Schuldenbarometer 1. Halbjahr 2011

Kernergebnisse

  • 0,9 Prozent weniger Privatinsolvenzen im ersten Halbjahr 2011
  • Risikogruppen: Niedriglohnempfänger, alleinerziehende junge Frauen und neu: Senioren
  • Prognose: 138.000 bis 140.000 Privatpleiten im Gesamtjahr
  • Absolute Werte: die meisten Privatinsolvenzen in Nordrhein-Westfalen (15.996 Fälle)
  • Verlierer relative Zahlen: Bremen (162 Privatinsolvenzen je 100.000 Einwohner)
  • Gewinner relative Werte: Bayern (61 Fälle je 100.000) } Bundesdurchschnitt: 84 Privatpleiten je 100.000 Einwohner
  • Insolvenzzahlen steigen in vier Bundesländern – am stärksten in Hamburg (15,5 Prozent)
  • Stärkster Rückgang in Sachsen (minus 8,1 Prozent)
  • Gegenüber erstem Halbjahr 2010: zunehmend Senioren („60 Plus“) von Überschuldung betroffen (plus 8,9 Prozent)
  • Stärkster Rückgang bei 36- bis 45-Jährigen (minus 4,2 Prozent)
  • Hoher Männeranteil bei Schuldnern (58,2 Prozent)
  • Höchster Männeranteil bei 36- bis 45-Jährigen (61,2 Prozent)
  • Mehr Schuldnerinnen als Schuldner einzig bei den 18- bis 25-Jährigen (55,3 Prozent)

1. Überblick: Insolvenzwerte sinken knapp unter Rekordhoch von 2010
Auch im ersten Halbjahr 2011 geht die Zahl der Privatinsolvenzen – wenn auch minimal – zurück: um 0,9 Prozent auf 68.818 Fälle. „Aktuell bewegen wir uns bei den Privatinsolvenzen nahezu auf dem Rekordniveau des Vorjahres“, skizziert Dr. Norbert Sellin, Geschäftsführer der Hamburger Wirtschaftsauskunftei Bürgel. Eine Trendwende sei trotz sinkender Arbeitslosenzahlen nicht in Sicht.
Laut der aktuellen Bürgel Studie „Schuldenbarometer 1. Halbjahr 2011“ geraten vor allem Niedriglohnempfänger in die Zahlungsunfähigkeit. Zudem müssen einerseits immer mehr junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren Privatinsolvenz anmelden. Deren Anteil vergrößert sich gegenüber dem ersten Halbjahr des Vorjahres um 2,5 Prozent und gegenüber dem Referenzzeitraum des Jahres 2009 sogar um 51,3 Prozent. Andererseits tappen immer mehr ältere Bundesbürger ab 60 Jahren in die Schuldenfalle. Deren Anteil steigt bei den Privatinsolvenzen gegenüber dem ersten Halbjahr 2010 um 8,9 Prozent. Entsprechend rechnet Bürgel im laufenden Jahr mit 138.000 bis 140.000 Privatinsolvenzen. Diese Zahlen bewegen sich auf dem Rekordniveau von 2010 – siehe Grafik 1.

Entwicklung der Privatinsolvenzen in Deutschland

2. Privatinsolvenzen je Bundesland: Durchschnittlich 84 Fälle je 100.000 Einwohner
Im absoluten Vergleich verteilen sich die 68.818 Privatinsolvenzen insbesondere auf die Bundesländer Nordrhein-Westfalen (15.996), Niedersachsen (8.725) und Bayern (7.594) – siehe Grafiken 2 und 3.

Privatinsolvenzen pro Bundesland

Privatinsolvenzen pro Bundesland

Anders verhält es sich bei den relativen Werten: Hier ist wiederholt vor allem der Norden Deutschlands betroffen – allen Ländern voran Bremen mit 162 Fällen je 100.000 Einwohner. Aber auch in Hamburg (119), Niedersachsen (110) und Schleswig-Holstein (108) gestaltet sich die Situation bei den Privatinsolvenzen kritisch – siehe Grafiken 4 und 5.

Insolvenzverfahren pro Bundesland

Insolvenzverfahren pro Bundesland

Während der Bundesdurchschnitt bei 84 Fällen je 100.000 Einwohner rangiert, steht Bayern mit 61 Privatinsolvenzen je 100.000 Bürgern im Ländervergleich am besten da. Auch Baden-Württemberg (62), Thüringen (74), Sachsen (77) und Hessen (82) unterbieten den Bundesdurchschnitt.

3. Veränderungen auf Bundeslandebene: Stärkster Anstieg in Hamburg
Zwar sinken die Fallzahlen bei den Privatinsolvenzen im ersten Halbjahr gegenüber dem Untersuchungszeitraum des Vorjahres durchschnittlich um 0,9 Prozent. Aber die Veränderungen in den jeweiligen Ländern zeigen enorme Unterschiede: In 4 der 16 Bundesländer steigen die Fallzahlen im ersten Halbjahr sogar an – allen voran in Hamburg mit einem zweistelligen Plus von 15,5 Prozent (siehe Grafiken 6 und 7).

Veränderung der Privatinsolvenzen

Prozentuale Veränderung der Privatinsolvenzen

Ebenfalls mehr Privatinsolvenzen melden Thüringen (plus 7,4 Prozent), Nordrhein-Westfalen (plus 6,6 Prozent) und Berlin (plus 5,5 Prozent). Den stärksten Rückgang um minus 8,1 Prozent verbucht Sachsen. Auch in Baden-Württemberg (minus 7,8 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (minus 5,1 Prozent), Schleswig-Holstein und Niedersachsen (je minus 4,6 Prozent) gehen die Fallzahlen im ersten Halbjahr 2011 zurück.


Während Hamburg beim Pleitenniveau von einer Erholung weit entfernt ist, bewertet Bürgel Geschäftsführer Sellin es als positiv, „dass in den ebenfalls schwächeren Ländern Niedersachen, Schleswig-Holstein und Bremen die Privatinsolvenzzahlen im Vorjahresvergleich sinken.“

4. Privatinsolvenzen je Altersgruppe: Anstieg im jüngsten und ältesten Segment
In den Altersgruppen der 18- bis 25-jährigen (plus 2,5 Prozent) und der über 60-jährigen Bundesbürger klettern die Fallzahlen im Untersuchungszeitraum – siehe Grafik 8.

Vergleich der Altersgruppen

Besonders bei den Senioren fällt der Anstieg mit 8,9 Prozent massiv aus. Laut der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) sind hier zu Lande im Alter gerade die sozial Schwachen von einem Leben in Armut bedroht. Die OECD meldete Anfang September, dass Deutschland im internationalen Vergleich zu den Schlusslichtern bei der Alterssicherung von Geringverdienern zählt.
Den stärksten Rückgang bei den Privatinsolvenzen verzeichnet das Segment der 36- bis 45-Jährigen um minus 4,2 Prozent. Während die Zahlen bei den 46- bis 59-jährigen Bundesbürgern um minus ein Prozent sinken, gibt es bei den 26- bis 35-Jährigen keine Veränderung gegenüber dem Vorjahresniveau.
Die meisten Privatinsolvenzen – ein Drittel aller Fälle (32,1 Prozent) – ereignen sich im ersten Halbjahr 2011 bei den 46- bis 59-Jährigen. 30,1 Prozent aller Privatinsolvenzen werden von 36- bis 45-Jährigen Bundesbürgern angemeldet. Knapp ein Viertel der Privatinsolvenzen (23,8 Prozent) gehen im ersten Halbjahr auf das Konto der 26- bis 35-Jährigen. Die jungen Erwachsenen mit 18 bis 25 Jahren sind mit einer Quote von 6,5 Prozent vertreten, das Segment 60 Plus mit 7,5 Prozent.
Ursachen für Überschuldung, vor allem bei jungen Bundesbürgern, sind eine unwirtschaftliche Haushaltsführung, gepaart mit wenig Erfahrung im Umgang mit Geld. Den Betroffenen gelingt es meist nicht, Einkommen und Konsumverhalten auszubalancieren: Oft investieren sie trotz begrenztem Einkommen bzw. geringen finanziellen Rücklagen hohe Summen in mobile Endgeräte, Elektroartikel, Automobile und den Kreditkartenkauf.

5. Geschlechter: Im jüngsten Segment mehr Frauen als Männer betroffen
58,2 Prozent aller Privatinsolvenzen im ersten Halbjahr 2011 haben Männer angemeldet. Dass mehr Männer als Frauen zahlungsunfähig werden, zieht sich durch fast alle Altersgruppen – siehe Grafik 9.

Privatinsolvenzen in Deutschland

Bei den 36- bis 45-Jährigen beträgt der Männeranteil sogar 61,2 Prozent. Ausnahme: Bei den jungen Erwachsenen von 18 bis 25 Jahren dominieren die Schuldnerinnen mit einer Quote von 55,3 Prozent. Hier stellen alleinerziehenden Frauen den Löwenanteil und gehören somit zur größten Risikogruppe für Überschuldung.

6. Fazit und Ausblick:
Die Zahl der Privatinsolvenzen sinkt im ersten Halbjahr 2011 um 0,9 Prozent. Die Fallzahlen bleiben aber trotz sinkender Arbeitslosenzahlen auf einem hohen Niveau. Neu ist, dass zunehmend auch ältere Bundesbürger in finanzielle Bedrängnis geraten. Entsprechend geht Bürgel für das laufende Jahr auch weiterhin von hohen Fallzahlen bei den Privatinsolvenzen aus: von 138.000 bis 140.000 Fällen.
Nach wie vor sind die Hauptursachen für Privatinsolvenz Arbeitslosigkeit, dauerhaftes Niedrigeinkommen, gescheiterte Selbstständigkeit, Trennung und Scheidung. Außerdem leisten mangelnde Finanzerfahrungen, unpassendes Konsumverhalten und Einkommensrückgang einen wesentlichen Beitrag dazu, dass derzeit viele Bürger von Überschuldung betroffen sind. Gerade einkommensschwache Haushalte, die von Niedriglöhnen oder Transferleistungen leben, haben bei steigenden Kosten kein Einsparpotenzial.

Herausgeber:  Bürgel Wirtschaftsinformationen GmbH & Co. KG, Gasstraße 18, 22761 Hamburg, presse@buergel.de, www.buergel.de

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